Abgrenzung zu Tinnitracks der Fa. Sonormed GmbH

Einordnung Tinnitracks

Der wohl bekannteste Ansatz für eine Selbsthilfe zu Hause ist im Moment Tinnitracks, ein Modell, dass auf einer Methode basiert, die Prof. Pantev (Biochemiker aus Münster) entwickelt hat. Hier wird die Tinnitusfrequenz herausgefiltert, damit die aktiven Regionen des auditiven Cortex "geschont" werden.
In einer kleinen ersten Studie konnte Pantev Erfolge zeigen (Pantev et al., 2012), allerdings nur bei Patienten, deren Tinnitus unterhalb 8 kHz lag (Teismann, 2011). Diese Therapie wurde zusätzlich in einer Studie gepaart mit tDCS, also einer direkten Gleichstromelektrostimulation. 32 Tinnitus-Patienten wurden unterschiedlich (kathodisch und anodisch oder sham-placebo) stimuliert und hörten parallel die spezifische Musiktherapie für zehn Tage. Bezüglich der Tinnitus-Belastung ergaben sich jedoch keine Unterschiede (Teismann et al., 2014).

In einer Stellungnahme der Deutschen Tinnitus-Liga schreiben Prof. Hesse und Prof. Goebel folgendes zu Tinnitracks:

…Gleichwohl ist bereits ein Gerät für diese Therapie im Handel; es wird allerdings nicht von den Wissenschaftlern, die die Studie durchgeführt haben, vermarktet. Vielmehr wird die in den Medien wieder einmal sehr vorschnell propagierte Methode ("Tinnitracks") als besonders innovativ eingestuft, nutzt sie doch Smartphone-Applikationen ("Apps"), die der Patient gegen eine Jahresgebühr (nach unserem Kenntnisstand derzeit ca. 500-600 €) nutzen kann. Das Bestimmen der Tinnitus-Frequenz erfolgt über das Internet durch den Patienten selbst oder, was aber noch nicht umgesetzt werden kann, über HNO-Ärzte oder Akustiker. Studien für diese Variante liegen gar nicht vor, die "Erfinder" der Software werden jedoch als besonders innovativ gefördert, obwohl sie offenbar keinerlei Berechtigung haben, tatsächlich eine Therapie anzubieten. Mittlerweile scheint es schon vereinzelt (in Hamburg) Verträge mit Krankenkassen zu geben, obwohl nach unserem Wissen keinerlei Beweise über die Wirksamkeit vorliegen, ja nicht einmal Unbedenklichkeitsstudien und Angaben zu Nebenwirkungen für diese vollmundig als Therapie" beschriebene Musikverfremdung vorgelegt wurden.
Mittlerweile gibt es auch mindestens zwei weitere vergleichbare "Apps", die denselben Behandlungsansatz verfolgen und Musik in der Tinnitus-Frequenz verfremden, das "Tinnease" und "My noise" - allerdings haben diese Firmen es wohl noch nicht geschafft, Verträge mit Kostenträgern abzuschließen.

Neue, aktuelle Studie zu dieser Therapie
Ganz aktuell ist im April 2016 jetzt eine klinische Studie veröffentlicht worden, die diese Therapie der verfremdeten Musik (Tailor-made notched music training - TMNMT) in einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie untersucht, und zwar mit relativ aussagekräftigen Patientenzahlen. 50 Patienten mit chronischem tonalen Tinnitus hörten die in der Tinnitus-Frequenz verfremdete Musik zwei Stunden täglich für drei Monate, 50 Patienten hörten Musik mit einer anderen Verfremdung, unabhängig von der jeweiligen Tinnitus-Frequenz. Dabei veränderten sich die Ergebnisse im Tinnitusfragebogen nicht signifikant, vielmehr waren bei der Behandlungsgruppe sogar die Stresslevel stärker erhöht als in der Placebogruppe. In einer Nachbetrachtung wurde dann aber gesagt, dass die Lautheit des Tinnitus, erfasst durch sogenannte visuelle Analogskalen, in der Behandlungsgruppe etwas geringer war als in der Placebogruppe, er war allerdings genauso belastend. Auch diese Veränderung war nicht bedeutend und hat nach anderen Veröffentlichungen ohnehin in Bezug auf die konkrete Belastung durch den Tinnitus keine Relevanz.
Die Studie ist insgesamt sauber und kommt aus der Uniklinik Münster, in der diese Therapieform ja auch entwickelt worden ist (Stein et al., BMC Neurology (2016). 16: 38).
Sie belegt u. E., dass "Tinnitracks" und ähnliche "Apps" keinen Effekt auf die Tinnitus-Belastung haben."

http://www.tinnitus-liga.de/pages/presse/pressemitteilungen/archiv/tinnitracks.php

Unterschiede zw. Tinnitus Help und Tinnitracks

1. Tinnitus Help entstand aus jahrelanger praktischer Arbeit mit Tinnituspatienten, die einen musiktherapeutischen Hintergrund hat und im klinischen Umfeld stattfand.

Tinnitracks wird vermarktet von zwei jungen Männern, die nicht therapeutisch arbeiten. Auch die Anwendung selbst ist nicht aus praktischer therapeutischer Arbeit heraus entstanden.

2. Der auditive Cortex wird genau in dem Bereich stimuliert, indem die Hörminderung liegt, denn der Tinnitus entspricht IMMER der Hörminderung. Wir konnten bei Patienten Verbesserungen im Audiogramm finden (zwischen 5 und 10 dB in verschiedenen Frequenzen).

Tinnitracks: die Tinnitusfrequenz wird ausgeblendet, es findet KEINE Stimulation statt

3. Der Tinnitus wird in der Regel peripher, als durch das Ohr ausgelöst (Lärmtrauma, Hörsturz, Hörschädigung etc.). Dadurch wird die Funktion der Haarzellen im Innenohr gestört, der elektrische Input ins Gehirn ebenfalls. Die Nervenzellen in der Hörrinde verändern sich und es entsteht in bestimmtem Arealen eine Überaktivität: Tinnitus. Neurowissenschaftler vergleichen das mit der Entstehung von Phantomwahrnehmungen (Phatomschmerz). Wenn aus einem Körperteil keine Informationen mehr kommen, produziert das Gehirn sie manchmal selbst. Wird nun wie bei th die Tinnitusfrequenz von außen zugespielt, muss das Gehirn den Tinnitus nicht mehr produzieren.

Tinnitracks: Das Gehirn bleibt bei der Rückkopplung des Tinnitus.

4. Das Gehirn erhält verschiedene Informationen: die Tinnitusfrequenz, die Entspannungsmusik und manchmal noch zusätzlich Naturgeräusche. Das Gehirn fokussiert sich auf die angenehmen Anteile: die Musik und/oder die Naturgeräusche. Es "lernt", den Tinnitus immer mehr auszublenden. Das wird dann auch im Alltag immer besser möglich.

Tinnitracks: Der Anwender hört "nur" verfremdete Musik (die im Übrigen stark verfälscht und sehr unschön klingt, weil in der Regel die hohen Frequenzen fehlen).

5. Es wird ausschließlich unbekannte Musik verwendet, um eine stärkere Durchblutung zu fördern und mehr Synapsen anzuregen.

Tinnitracks: es wird Lieblingsmusik verwendet, die von nun an zur "Tinnitusmusik" degradiert wird. Der auditive Cortex erkennt die Musik, es findet eine Antizipation statt. Das Gehirn mischt wahrscheinlich von selbst die fehlenden Frequenzen wieder dazu. Wir wissen, dass das Ohr auch ergänzend tätig ist.

6. Es reicht eine Anwendungsdauer von ca 15 Minten täglich für mindestens 3 Wochen

Tinnitracks: Anwendung zwei Stunden täglich für drei Monate

7. Tinnitus Help ist anwendbar bei jeder Tinnitusform, auch bei geräuschhaftem Tinnitus.

Tinnitracks: ist nicht bei geräuschhaftem Tinnitus anwendbar und auch nur bis 8 Khz

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